Grenzen setzen, ohne dich danach zu erklären
Die meisten meiner Klientinnen und Klienten können ein Nein sagen. Was ihnen schwerfällt, ist das Nein danach stehen zu lassen — ohne drei Sätze Rechtfertigung hinterherzuschieben.
Ein Nein ohne Begründung fühlt sich für viele unhöflich an, fast respektlos. Also wird aus "Ich kann diese Aufgabe diese Woche nicht übernehmen" ein "Ich kann diese Aufgabe diese Woche leider nicht übernehmen, weil ich gerade bei zwei anderen Projekten hänge und außerdem noch das Kundengespräch vorbereiten muss, aber nächste Woche sieht es bestimmt besser aus." Die Begründung soll das Nein weicher machen. Tatsächlich macht sie es verhandelbar.
Jede Begründung ist eine Einladung, sie zu entkräften. Wer drei Gründe nennt, warum eine Grenze gerade nötig ist, öffnet die Tür für drei Gegenargumente, warum sie es diesmal nicht sein muss. Das Gegenüber reagiert nicht aus böser Absicht darauf — es reagiert schlicht auf das Angebot, das die Begründung macht.
In der Praxis arbeite ich mit Klientinnen und Klienten an einem einzigen Satz: der Grenze selbst, ohne Nachsatz. "Diese Woche übernehme ich das nicht." Punkt. Kein "weil", kein "aber eigentlich", keine Ausweichoption, die man selbst gleich mitliefert. Das fühlt sich in den ersten Versuchen fast unhöflich hart an — was in Wahrheit daran liegt, dass die meisten von uns es nie geübt haben, eine Grenze auszusprechen, ohne sie gleichzeitig zu entschuldigen.
Der Nebeneffekt, der sich nach einigen Wochen einstellt, ist oft überraschend: Wer aufhört, jede Grenze zu begründen, wird seltener gefragt, warum. Die Begründung war nie die Voraussetzung dafür, dass ein Nein akzeptiert wird — sie war nur die Einladung, es zu hinterfragen.